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Heute geht die WM und ich komme zurück, ab 18 Uhr bin ich im Hinterhof der NGBK (Berlin/Oranienstr. 25). Unter dem Motto „Never mind the Ballacks“ mit Lesung, Zombiefilm, einigen Inselfilmchen. Kommen Sie doch mal rum. Der Weblog bleibt noch offen für ein Fazit. Also nicht ganz vergessen…
Doch noch pünktlich vor WM-Ende traf ich den ersten Menschen seit Wochen, und ich meine nicht den Fotomann. Es war skurril, jemanden dort zu sehen, wo eigentlich niemand mehr hinpasst. Wenn mensch sich längst unbewohnbar gemacht hat und plötzlich jemanden trifft, fehlen einem die Worte. Sehen Sie selbst:
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Viele erinnern sich an ihren ersten Stadionbesuch. Ich erinnere mich an mein erstes Tor im Verein. Erfolgsverliebt? Nein.
Nach einem Befreiungsschlag unseres Liberos lief ich dem Ball hinterher und meine Wiesen- und Hinterhofkarriere vor mir ab und davon, wie der berühmte Film kurz vor dem Tod. Nach einer Mischung aus Schuss und Grätsche prallten Keeper und ich zusammen, mir wurde schwarz vor Augen.
Aber ich war nicht tot, ich war ja erst zehn. Als ich wieder zu mir kam, zappelte der Ball im Netz und die Freunde jubelten. Verwirrt trabte ich mit Schmerzen zum Mittelkreis. Irgendetwas war mit mir passiert.
Erst viel später verstand ich: In diesem Moment hatte ich so etwas wie meine fußballerische Unschuld verloren. Seitdem drängelt sich der pauschale Druck organisierten Erfolgs ständig wie solch ein Presschlag in mein Leben. Seit meinem ersten Tor bedeutet Erfolg für mich Bedrohung, immer und überall.
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Umberto Eco hat mal sowas gesagt wie: Wenn jemand am Strand steht und Steinchen wirft, damit sie über die Wasserfläche ditschen, dann ist es ein Spiel. Stellt sich jemand daneben und versucht einen Stein so zu werfen, dass er einmal mehr aufditscht, wird es Sport. Sport und Leistung sind miteinander verheiratet.
Auch wenn viele den wilden Wiesen- und Hinterhoffußball ihrer Jugend romantisieren, ein Urkommunismus des Fußballs war er nicht. Schon auf der Wiese durften die Mädchen nur im Notfall mitspielen und die großen Jungs ließen einen kleinen nur ran, wenn sie zu wenig waren. Der Schwächste stand oft im Tor und musste bei Elfern weichen, weil dann der Leithammel selbst ins Tor wollte. Es ging eher darum, mit Dribblings zu posen anstatt abzuspielen und oftmals schnappte der Leithammel dem Schwächeren Teamkollegen einfach asozial den Ball vom Fuß.
Wo also steckt das Spiel im Fußball?
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Klaus Theweleit steht anderen Männern in nichts nach, wenn es um Fußball geht: in seinem Buch „Tor zur Welt“ wird er sentimental und lässt seine „denkenden Knie“ „Aufgaben des Gehirns“ übernehmen.
Und wenn etwas scheinbar Unerklärliches geschieht, phantasiert er den „Fußballgott“ herbei. Ähnlich esoterisch kommt er drauf, wenn vom „energetischen Fluss des Balles“ die Rede ist und Gerd Müller als „seiner Zeit im Erspüren von Energielinien und Kraftfeldern weit voraus“ beschrieben wird. Auch Zidane sei so eine Spürnase, “der diese Kraftfelder so verschiebt und nutzt, dass sie für das eigene Team zu Vorteilen ausschlagen.”
Lesen Sie auch sein Stammtischstammeln zu Nationalgefühl, Frauen und Fußball, zum Schiri als Sündenbock, zur „holländische Psyche“ oder zum homofreundlichen Fußball. Und Ihre Ferndiagnose wird Züge von Demenz bei ihm nicht leugnen können. Uiuiui, ich geh jetzt tauchen.
Oder auf den Lattenfriedhof. Haben Sie sich schon mal gefragt, was mit all den alten, verdienten Latten passiert? Hier die Antwort:
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So einfach geht das, für den Fall, dass „Deutschland“ doch irgendwie ins Halbfinale gekommen ist… In jeder Fahne steckt ein bisschen Anarchie… Drei Fahnen = ein Kölsch…
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Das Loblied auf den Fußball ist ein Bandohrwurm. Von der FIFA bis zum Dorfverein heißt es: Fußball fördert Weltoffenheit, steht für „Völkerverständigung“ und Integration. Manche behaupten gar, dass verstärkter Wettberwerb und Leistung sogar ein Garant gegen Diskriminierung seien. Und im Januar 2001 schlug der schwedische Abgeordnete Lars Gustafsson die FIFA für den Friedensnobelpreis vor. Genau darauf arbeitete Sepp Blatter hin, als er zur WM 2002 versuchte, Spiele nach Nordkorea zu verlegen und so eine koreanische Wiedervereinigung anzustiften.
Doch Sport hält noch immer soldatisches Verhalten warm und griffbereit, funktioniert als bestes Kapitalismustraining für die Ellenbogengesellschaft. In einer Studie kommen Marie-Luise Klein und Jürgen Kothy 1998 zum Schluss, dass im schlimmsten Falle „Sport als Antriebsmotor für gesellschaftliche Ungleichheit“ gilt. So viel zu den Frühstücksgedanken vom WM-losen Inselstrand.
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Ach herrje, nachdem ich seit Tagen nur noch mit Tieren und mit mir selbst spreche, fange ich auch noch an zu singen. Countrymusik versus Fußball-WM. Was Fußballlosigkeit nicht alles schafft. Die Therapie schlägt an. Schauen Sie selbst:
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Sie können ja raten, wohin ich geflüchtet bin. Es gibt kleine Sand- und viele Kiesstrände, von gelb beblühten Bäumen eingerahmte Gebirge, Schafe überall genauso wie Seehunde, Rehe, Füchse und Falken. Kleine spitze Hügel lugen plötzlicher aus dem Meer, als Sie hier Menschen begegnen. Ein berühmtes Volkslied besingt das Ufer, das meiner Insel gegenüber liegt. Mal ist es sonnig, mal kommen kleine Schauer, die die zahlreichen Bäche füttern. Sprich: es könnte überall sein.

Gewinnen können Sie ein „Fefczak geht“- oder ein „Scheiß WM“-T-Shirt. Vielleicht helfen die Bilder im Weblog weiter? Wenn nicht: Schließen Sie die Augen und versuchen 15 Minuten still zu sitzen. Trinken Sie einen schwarzen Tee mit Soyamilch und denken an alles Nichtrunde dieser Welt. Sie werden sehen, dass Ihnen Fußball so wenig weiter hilft, wie diese Inselbeschreibung hier. Erträumen sie sich selbst eine, zwei, viele Inseln.

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Auf der Suche nach etwas Essbarem finde ich buddhistische Malereien und Schreine. Kein Witz, schauen Sie sich die Fotos an. Geht es nicht immer um Opium? Um Kitt, der die Leute bei der Stange hält? Einen Teil dessen, was die Religion einst ausmachte, hat heute sicher der Fußball übernommen.
Besonders pervers wird es, wenn Fußball und Religion sich verbünden. Nichts ist schlimmer als frömmelnde brasilianische Ballprofis, die ihr Resthirnrepertoire nach außen stülpen, indem sie ihre Jesusoberkörperlappen zur Schau stellen und Kaspersamba an der Eckfahne tanzen. Wenn Dummheit die Revolution brächte, müssten alle Menschen einfach „Jesus liebt dich“ auf ihr Feinripp schreiben und ungefragt überall ihren Pullover heben.
Ich würde eine Eckfahne nehmen und sie zu ihrem Teufel jagen. Oder zur WM. Lieber Barbarei als eine brasilianische Revolution.

DAS VIDEO: Satan vertreiben…
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Sorry, bin nun einige Tage um und über die Insel geirrt, weil ich nicht wusste wohin mit mir. Mythische Findung? Ach, papperlapapp. Gepflegte Langeweile und Zelebrieren von Faulheit schon eher. Immerhin auch einiges zu essen gepflückt, der Fotomann lässt es mir.
Vielleicht war Weggehen doch falsch? Deutscher Party-Nationalismus hätte mir gefallen können: Die U-Bahn leer gefegt, nur noch Menschen drin, die keine Lust auf Fußball haben oder die das deutsche Team nicht interessiert. Straßen und Parks eröffnen eine ungeahnte Weite, weil das deutsch beflaggte Mitmenschentum sich in irgendwelchen Public-Viewing-Massenzellen rumtreibt und aneinander reibt…
Egal, als ich nach einigen Tagen wieder zurück an meiner Hütte bin, zeigt mir der Fotomann einen Film, damit ich nicht ganz verkomme. Und es war ein Highlight am Samstag Abend. Was für eine Detailarbeit der Frickelfraktion. Schaut ihn euch an: